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Zunehmende Fälle von Burnout bei Lehrerinnen und Lehrern

Ausgebrannt in die Sommerferien

Die Zeugnisse sind verteilt, die Tafeln geputzt und die Klassenräume bleiben leer – eigentlich müsste sich mit Start der Sommerferien Entspannung unter Schülern und Lehrkräften einstellen. 

Doch während sich viele Schüler auf den Weg ins Freibad machen, legen sich viele Lehrerinnen und Lehrer erst einmal erschöpft aufs Sofa – und kommen wochenlang nicht wieder hoch. Denn für sie beginnen die Sommerferien nicht mit einem befreiten Urlaubsgefühl, sondern mit einer Erschöpfungsdepression.

Monatelange Überlastung unter hohem persönlichen Einsatz im Schulalltag fordern oft genau dann ihren Tribut, wenn der Druck nachlässt. Ein Phänomen, das auch Dr. med. Hannes Horter, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und leitender Arzt der vita nova kliniken in Bad Salzuflen, in seinem Arbeitsalltag bemerkt. 

Im Interview erklärt er, warum sich Erschöpfungsdepressionen häufig erst in den Ferien zeigen.

6 Min.

20.07.2026
Ein Facharzt der vita nova kliniken erläutert Hintergründe einer Erschöpfungsdepression

Erschöpfungsdepression statt Urlaubsgefühl – Ursachen und Erklärungen

Sechs Wochen Sommerferien – in der Öffentlichkeit gilt der Lehrerberuf durch die Ferienzeiten oft als privilegiert. Dennoch beobachten Sie als Arzt pünktlich zum Ferienstart häufig starke Erschöpfungszustände und depressive Einbrüche unter Lehrkräften. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?

Das Bild der entspannten Ferien bildet die Realität für viele engagierte Lehrkräfte nicht ab. Sie arbeiten zuvor über Monate hinweg mit hohem persönlichen Einsatz und gehen dabei oft unbemerkt über ihre Belastungsgrenzen. Erfahrungsgemäß sind dabei die letzten Wochen vor den Sommerferien besonders anspruchsvoll. 

Neben dem regulären Unterricht kommen Zeugnisse, Konferenzen, manchmal auch Nachprüfungen und der administrative Aufwand hinzu. Das wird oft durch Arbeit spät abends oder an den Wochenenden ausgeglichen. 

Weil auch die privaten Verpflichtungen in dieser Zeit nicht ruhen, entsteht ein chronisches Stresserleben.

Was bedeutet Dauerstress für die Psyche und den Körper?

Eine Lehrerin sitzt erschöpft vor ihrem Laptop

Bei Dauerstress schüttet unser Körper verstärkt die Hormone Cortisol und Adrenalin aus. Das hält uns in ständiger Alarmbereitschaft. Alltagsprobleme, wie der Zeitdruck beim Vermitteln des Unterrichtsstoffs, Entscheidungen über Versetzungen oder kritische Rückmeldungen von Eltern, können dann schlechter ausgeblendet werden. Eigene Entscheidungen werden zunehmend kritisch reflektiert und ein „Gedankenkarussell“ kann entstehen. 

Die Gedanken kreisen ständig um noch zu erledigende Aufgaben und das Gefühl, nie wirklich fertig zu werden, stellt sich ein. Diesen Zustand können viele noch ausgleichen durch verschiedene Kompensationsstrategien, z.B. vermehrten Arbeitseinsatz. 

Fällt dieser dann weg, bricht das Kartenhaus zusammen und ein Burnout-Syndrom / eine Erschöpfungsdepression kann entstehen.

Warum ist gerade der Lehrerberuf so anfällig für diese Form der chronischen Überlastung?

Der Lehrerberuf vereint viele Belastungen gleichzeitig. Dazu gehören einerseits die hohe Verantwortung, andererseits die flexiblen, aber entgrenzten Arbeitszeiten. So wird oft Arbeit mit nach Hause genommen. 

Wir erleben in der Klinik Fälle, in denen ganze Wochenenden für die Unterrichtsvor- und -nachbereitung durchgearbeitet werden, sodass kein Raum mehr für Freizeit und Ausgleich bleibt. 

Zudem sind die Lehrerinnen und Lehrer häufig einem ständigen Lärmpegel ausgesetzt und dauerhaft in sozialen Interaktionen, was emotional sehr fordernd sein kann.

Auch haben sich die Anforderungen des Berufs verändert: Lehrkräfte sollen heute nicht nur unterrichten, sondern auch erziehen, individuell fördern, Konflikte lösen und Krisen auffangen. 

Wer sich hier stark die Problemen der Schüler zu Herzen nimmt und keine klaren Grenzen setzen kann, rutscht schleichend in eine chronische Überlastung. So entsteht dann ein ausgeprägtes „Durchhangeln“ bis zu den Ferien, das viel Kraft kostet.

Sie betonen, dass besonders stark engagierte Lehrkräfte betroffen sind. Warum ist diese Gruppe so Burnout-Syndrom gefährdet?

In unserer Klinik machen wir häufig die Erfahrung, dass besonders diejenigen ausbrennen, die ihren Beruf mit großer Gewissenhaftigkeit ausüben. Für sie ist die tägliche Arbeit, die Interaktion mit den Schülern und die feste Struktur ein zentraler Faktor, der ihren Selbstwert stabilisiert. Sie „brauchen“ das Funktionieren, um sich sicher zu fühlen. 

Dadurch spüren sie oft gar nicht, dass sich im Hintergrund bereits eine Erschöpfungsdepression anbahnt. Fällt diese Struktur in den Ferien plötzlich weg, fehlt die tägliche Bestätigung, und die zugrundeliegende psychische Krise wird spürbar.

Das bedeutet, die Arbeit überspielt über längere Zeit die eigentlichen Zeichen der Überlastung?

Ja, man funktioniert im Alltag weiter, weil man glaubt, es zu müssen. Im Klassenzimmer gibt es zudem kaum Raum für Rückzug; man muss voll da sein. Die Erschöpfung und die depressiven Symptome treten erst dann deutlich hervor, wenn der Druck von außen nachlässt. 

Vieles spricht dafür, dass hier ein evolutionärer Mechanismus greift, der in Krisenzeiten überlebenswichtig war: Wer auf der Flucht ist, kann nicht ausruhen oder eine Pause einlegen. 

Danach jedoch zollt die Anstrengung ihren Tribut. Die Betroffenen erleben dann statt der erhofften Erholung eine tiefe Niedergeschlagenheit, Erschöpfung und Antriebslosigkeit. 

Viele Patienten berichten in der Therapie, dass sie sich wie ein plötzlich tiefenentladener Akku fühlen. Selbst kleinste Alltagsaufgaben werden dann als unüberwindbarer Berg empfunden.

Wie genau macht sich diese Dekompensation in den ersten Ferienwochen bemerkbar?

Ein Lehrer sitzt mit einer Schlafstörung und Kopfschmerzen im Bett

Es zeigt sich meist in einer extremen, bleiernen Müdigkeit, die sich auch durch viel Schlaf nicht beheben lässt. Betroffene berichten von einer inneren Leere, dem Verlust von Vorfreude oder diffusen Ängsten. 

Sie ziehen sich zurück, werden wortkarg oder zynisch. Häufig reagiert auch der Körper auf den plötzlichen Abfall des Stresspegels, was sich in Infektanfälligkeit, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen äußern kann.

Was können betroffene Lehrkräfte tun, wenn sie merken, dass sie von einer Erschöpfungsdepression betroffen sind?

Wichtig ist zuerst das Verständnis, dass diese Reaktion eine biologische und psychologische Folge der Überlastung ist – und kein persönliches Versagen. 

  • Für die ersten Ferientage rate ich dazu, den Übergang sanft zu gestalten. Man sollte eine leichte, stressfreie Struktur beibehalten, statt von hundert auf null herunterzubremsen.
  • Helfen können kleine Übergangsrituale: Wer am ersten Ferientag ganz bewusst die Schultasche wegräumt oder den Dienstlaptop zuklappt, signalisiert auch dem Kopf, dass jetzt Ferienzeit ist.
  • Es ist wichtig, dass ein wirklicher Abstand zur Arbeit entstehen kann und die Schule „gedanklich weggepackt wird“, sodass ein Raum für Ausgleich, Hobbys und Erholung entstehen kann.

Länger andauernde Burnout-Symptome erfordert professionelle Hilfe

Wenn die depressive Stimmung, die Antriebslosigkeit und der Rückzug jedoch über mehrere Wochen anhalten und man sich überhaupt nicht erholt, sollte man professionelle Hilfe suchen. Eine echte Depression lässt sich nicht einfach durch Urlaub auskurieren. 

In der Therapie geht es dann vor allem darum, den eigenen Selbstwert wieder auf ein stabileres Fundament zu stellen – unabhängig vom Beruf. 

Betroffene lernen bei uns in der Klinik beispielsweise, sich im Alltag besser abzugrenzen und ein gesundes Gleichgewicht zwischen den beruflichen Pflichten in der Schule und dem nötigen emotionalen Ausgleich zu finden. 

So kann man dem nächsten Schuljahr zwar mit denselben Anforderungen, aber mit neuen Kräften und schützenden, eigenen Grenzen begegnen.

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